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Winterharte Palmen nach den Kaltwintern 2008/09 und 2009/10?
Das Jahr 2009 brachte für die Exotengärtner in vielen Regionen Deutschlands gleich zweimal "Fröste der Wahrheit" mit sich. Sowohl der 06. und 07.Januar, als auch der 19. und 20. Dezember konnten vielerorts mit kräftigen Frostereignissen aufwarten. Dieses Doppelphänomen zweier harter, direkt aufeinander folgender Winter kann immer mal wieder beobachtet werden. Für exotische Pflanzen sind solche Doppelphänomene natürlich Stunden der Wahrheit, da nach der Regeneration der Schäden des ersten Winters direkt ein weiteres Extrem- oder Kaltphänomen folgt.

Wobei Extrem- oder Kaltphänomen hier phänologisch verstanden wird: Beispielsweise Defoliation von Ligustrum vulgare L. oder Zurückfrieren von Aucuba japonica var. variegata Dombrai. Beides sind in vielen Gärten, beziehungsweise den meisten Regionen Deutschlands, kultivierte, immergrüne Pflanzen, die als Indikatorpflanzen des Winterverlaufes herangezogen werden können. Der phänologische Ansatz ist bei der Begutachtung von Winterschäden an exotsichen Pflanzen m. E. besser als der rein meteorologische Ansatz. Dies deshalb, weil sich ein Extrem- oder Kaltwinter nicht nur über die reinen Tiefsttemperaturen, sondern auch über die Frostdauer manifestieren kann. Ebenso können Frost- und Witterungsverläufe einen Extrem- oder Kaltwinter "auslösen", in dem Exoten und auch einheimische Pflanzen geschädigt werden, ohne dass es besondere Tiefstwerte gab. Wechselhafte Winterverläufe mit häufig abwechselnden Mild- und Kaltphasen, rasch einsetzende Fröste oder Fröste sehr spät im Frühjahr könnten dies beispielsweise sein.

Setzt man einen phänologischen Ansatz voraus, sind die Winter 2008/09 und 2009/10 sicherlich in vielen Regionen als Kaltwinter zu bezeichnen. Hiervon abzugrenzen sind sogenannte "Jahrhundertwinter", die im wahrsten Sinne des Wortes nur selten auftreten, zuletzt in den Nachkriegsjahren 1946/47 oder 1962/63 (in manchen Regionen Mitteleuropas), siehe hierzu Bissoli et al. (2001). Auch schon aus dem Gedanken heraus, dass Exotengärtner kaum ein ganzes Jahrhundert lang gärtnern, ist der Extrem- oder Kaltwinter dem Jahrhundertwinter als Schnittpunkt vorzuziehen.

In diesem Sinne ist das Jahr 2009 mit seinen beiden Extrem- bzw. Kaltwintern sicherlich ein Meilenstein für Winterhärte-Beobachtungen, insbesondere an Palmen (Arecaceae). Und das auch schon, bevor der Winter 2009/10 überhaupt zuende gegangen ist. Ein Meilenstein deshalb, weil sich nun seit dem Beginn des "Exotenbooms" Ende der 1990er Jahre, erstmals wirklich beobachten lässt, wieviel an den hypothetischen, teilweise traumhaft genialen Winterhärte-Erwartungen auch wirklich stimmt. Noch 2007 beispielsweise finden sich Aussagen, dass in den wärmsten Regionen Deutschlands die frosthärtesten Palmenarten ohne Winterschutz auspflanzbar sind. Sicherlich sind sie auspflanzbar, Ananas kann man ja auch in Island auspflanzen - ob sie winterhart sind, ist eben eine andere Frage. Als geeignet zum Auspflanzen werden eine ganze Palette an Arecaeae genannt: Chamaerops humilis L., Jubaea chilensis (Molina) Baill., Nannorrhops ritchieana (Griff.) Aitch., Rhapidophyllum hystrix (Frazer ex Thouin) H. Wendl. & Drude, Sabal minor (Jacq.) Pers., Serenoa repens (W. Bartram) Small, Trachycarpus fortunei (Hook) H. Wendl., Trachycarpus nanus Becc., Trachycarpus takil Becc., Trachycarpus wagnerianus Becc. und Trithrinax campestris (Burmeist.) Drude & Griseb.

Diese und ähnliche Angaben dürften nunmehr auf ihre Stimmigkeit abgleichbar sein und es wird nach 2009 sicherlich ein böses Erwachen geben. Setzt man als Definition von Winterhärte eine mittelfristige Überlebenschance ohne zusätzliche Schutzmaßnahme voraus (20-jähriger Bezugszeitraum, Lorek 2009), wird Deutschland und Mitteleuropa eine fast vollständig palmenfreie Region. Hernach wird es wohl nur noch eine handvoll ungeschützter Freilandexemplare der Fürsten des Pflanzenreiches geben, die unter diese Definition fallen.

Besonders hart hat es in diesem Sinne die Freunde der Honigpalme, Jubaea chilensis, getroffen. Mit noch vor einigen Jahren veröffentlichten, prospektiven Temperaturangaben von beispielsweise –18 °C (Lorek 2004) oder allen möglichen, beliebigen Temperaturangaben entlang einer Skala von –9 bis –20 °C, ist nun klar, dass dies unserem Wunschdenken entsprach und keinesfalls der Realität. Nach 2009 wird es voraussichtlich keine einzige überlebende J. chilensis in Mitteleuropa mehr geben - es sei denn sie wurde geschützt. Selbst in der allermildesten Region Mitteleuropas, dem schmalen, innerstädtischen Streifen einer Zone 8b in der Niederterrassenzone des Rheinlandes, ist J. chilensis nicht winterhart.

Selbige Aussage ist auch für andere Arecaceae zu treffen. Es wird wahrscheinlich kein einziges Belegexemplar ungeschützter Nannorrhops ritchieana, Sabal minor , Serenoa repens, Trachycarpus nanus, Chamaerops humilis, oder Trithrinax campestris mehr geben, welches auch nur annähernd die oben genannte Winterhärtedefinition streift. Zudem gibt es ja auch Argumente, Beobachtungen über einen längeren Zeitraum als die vorgeschlagenen 20 Jahre zu fordern. Beispielweise wäre ein 30-jähriger Beobachtungszeitraum ebenso legitim, da dieser den üblichen Zeitraum abgedeckt, auf Grund dessen Klimakarten erstellt werden (z. B. USDA-Karten). 30 Jahre würden aber die Wahrscheinlichkeit noch weiter reduzieren, erfolgreiche Belegpflanzungen in unserem Klima zu erhalten. Unabhängig von der diskutablen Spanne, ab wann man Exoten als winterhart definieren sollte, bleibt die grundlegende Frage aber bestehen: Gibt es überhaupt noch eine Palme, die man halbwegs evident als winterhart bezeichnen könnte?

Ja, es gibt noch eine handvoll winterharter Exemplare: Jene Exemplare des Trachycarpus fortunei in Düsseldorf-Oberkassel oder Leverkusen-Opladen, welche ungeschützt seit mehr als 20 Jahren ausgepflanzt sind. Neben diesen Belegexemplaren wird man wahrscheinlich leider nur mehrere Mittelfristbeobachtungen (6–19 Jahre) erfolgreicher Freiland-Trachycarpi in den wintemildesten Regionen Mitteleuropas ermitteln können. Und das betrifft ausschließlich die allermildesten Regionen, den kleinräumigen Zone 8b Bereich des Niederrheins, ein kleines Areal im Rheinmaindreieck oder besonders geschützte Innenstadtlagen die von Abwärme der Infrastruktur profitieren. Ansonsten werden wir mit Fug und Recht davon ausgehen können, dass T. fortunei in Zone 8a nicht winterhart ist. Es gibt anscheinend kein einziges Belegexemplar in Zone 8a entsprechend erwähnter Definition, seien es nun 20 oder 30 Jahre.

Einzig und allein Rhapidophyllum hystrix hat von all den wunderbar winterharten Hoffnungen noch einen Rest an Wahrscheinlichkeit, zumindest in Zone 8a, ganz vielleicht auch in den wärmeren Bereichen der Zone 7b winterhart zu sein. Das wäre dann die einzige Palmenart, die man halbwegs guten Gewissens als winterhart bezeichnen könnte, auch wenn bisher Belegexemplare entsprechend obiger Winterhärte-Definition derzeit fehlen. Einzelexemplare, welche seit einigen Jahren ohne Schutz in Zone 7b Gärten ausgepflanzt sind, beispielsweise im Tropengarten seit 1998, haben eine relativ gute Chance, auch ein weiteres Dezennium zu überleben, sofern der Ausgang des noch andauernden Winters 2009/10 positiv verlaufen sollte und uns in baldiger Zukunft kein Jahrhundertwinter ins Haus steht.

Das Fazit lautet:
Chamaerops humilis: Nicht winterhart.
Jubaea chilensis: Nicht winterhart
Nannorrhops ritchiana: Nicht winterhart
Rhapidophyllum hystrix: Vielleicht Zone 7b.
Sabal minor: Nicht winterhart
Serenoa repens: Nicht winterhart
Trachycarpus fortunei und die nahe verwandten T. takil und T. wagnerianus: Wahrscheinlich bis Zone 8b.
Trachycarpus nanus: Nicht winterhart
Trithrinax campestris: Nicht winterhart.

Winterharte Palmen nach dem knackigen Jahr 2009 sind auf ein minimalistisches Restkontigent zusammengeschrumpft. Und im Falle der Jubaea chilensis darf ich einen anderen Exotenfreund zitieren:
"Nach allem was ich bisher an grausamem Schicksal der Jubaeae in Mitteleuropa gesehen habe, werde ich diese Art ebenso wie Ananas behandeln: Keinerlei Anbauversuche unterhalb Zone 9. Hat wirklich jemand noch Freude daran, eine so wunderschöne Pflanze an der Grenze zum Exitus zu quälen?<
"

Literatur

Bissolli, P., Göring, L. & Lefebvre, C. 2001: Extreme Wetter- und Witterungsereignisse im 20. Jahrhundert. – Klimastatusbericht 2001, DWD, http://www.meteo.uni-bonn.de/mitarbeiter/CSchoelzel/fortbildung/publikationen/dwd_2001_extreme_20_jahrhundert.pdf am 01.01.2010.
Lorek, M. 2004: Der Exotische Garten, Bd. I. – Buddensiek-Verlag, Stadthagen, 204 S.
Lorek, M. 2009: Was sind winterharte Exoten? – Hortus Exot., 9, 10–15.


Ein schönes und gesundes, neues Exotenjahr 2010 wünsche ich allen Exotenfreunden.
M. Lorek, den 02.01.2010


Zitiervorschlag: Lorek, M. 2010: Winterharte Palmen nach den Kaltwintern 2008/09 und 2009/10? – http://www.tropengarten.de/Botanik/winterhaerte.html am Tg.Mo.Jahr.

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