Startseite 
Das Vogelsangbachtal

Das Vogelsangbachtal ist ein Tal im Norden des Bergischen Landes (Niederbergisches Land) an der Grenze zum Ruhrgebiet. Es ist ein Kalksandsteingebiet, durchzogen vom Rinderbach, der durch das Vogelsangbachtal von Ost nach West fließt und in Essen-Kettwig in die Ruhr mündet. Aus zahlreichen kleinen Nebentälern entwässern kleinere Bäche und Quellen in das Vogelsangbachtal. In den Tälern sind an vielen Stellen alte Hangwälder erhalten geblieben, die eine besondere Flora beherbegen und auf den Gebieten mit Kalkstein und kalkhaltigem Tonstein hat sich ein artenreicher Wald mit gut ausgebildeter Krautschicht vom Typ des Waldmeister-Buchenwalds entwickelt. 1990 wurde eine Gesamtfläche von 159 Hektar im Tal unter Naturschutz gestellt.

Zwar wird das Vogelsangbachtal als Naherholungsgebiet genutzt, ist von landwirtschaftlichen Flächen durchzogen und hat zahlreiche wasserwirtschaftliche Bauten, dennoch ist sich hier ein mehr oder weniger zusammenhängendes Waldgebiet erhalten geblieben, welches zu den größten im Kreis Mettmann gehört. Besonders die Massenbestände der Hirschzunge, Asplenium scolopendrium L., sind imponierend. Im einem Seitental, dem Hackland-Bachtal, ist ein tiefes Kerbtal mit einem Schluchtwald, der vorwiegend aus Bergahorn, Gemeiner Esche, Hainbuche und Rotbuche besteht. Das Kerbtal hat eine gut ausgebildete Krautschicht mit einem Massenvorkommen dieses Farns, der im oberen Bereich die offene Felsflur und im unteren Bereich die Krautschicht zahlreich besiedelt. Dieser Bestand findet ideale Bedingungen im nördlich exponierten, engen und feuchten Kerbtal und etabliert einen Hirschzungen-Schluchtwald.

Ein zweites, ausgesprochen individuenreiches Vorkommen der Hirschzunge findet man in der Nähe der Landstraße L 156, wo ein bewaldeter Steinbruch hinter einem abgezäunten Gebäude der Wasserwerke liegt. Dieser hat offene Kalksteinwände, die bis 30 m Höhe erreichen und einen mächtigen Schuttfächer gebildet haben. Der Steinbruch ist zum größten Teil mit einem Laubmischwald bestanden, der ein vollschattiges, ebenfalls kühl-feuchtes Klima schafft.

Zwischen den Hirschzungen wachsen im Steinbruch zahlreiche Gelappte Schildfarne, Polystichum aculeatum (L.) Roth., die sich in geringerer Zahl ebenso in der näheren Umgebung finden. Dieser kalkliebende, immergrüne Farn besiedelt gerne ahorn- und eschenreiche Mischwälder, die auf instabilen Untergründen (Schuttfächer oder Schluchtwälder) dominieren. Meistens sind es luftfeuchte Lagen mit hoher Beschattung, gelegentlich aber auch südlich exponierte, wärmere Lagen im Unterwuchs lichter Wälder. Die Bestände im Vogelsangbachtal sind vital und finden sich vereinzelt sogar direkt an der Asphaltstraße, die vom Anliegerverkehr genutzt wird.

Eine Besonderheit dieses Abschnittes des Vogelsangbachtales ist ein Vorkommen der Grünen Nieswurz, Helleborus viridis L. Im Gegensatz zum Massenvorkommen im Tal der Strunde im Bergischen Land sind die Pflanzen hier nicht auf Südhanglagen, sondern in schattig-feuchter Nordexposition anzutreffen. Auch im Vogelsangbachtal findet man die Grüne Nieswurz zusammen mit den Gelappten Schildfarn und der Hirschzunge im selben Lebensraum.

In einem der Seitentäler des Vogelsangbachtals gibt es ein Vorkommen der Europäischen Haselwurz, Asarum europaeum L. Normalerweise fehlt diese Art im Nordwesten Deutschlands. Aus Nordrhein-Westfalen beispielsweise sind nur wenige isolierte Einzelvorkommen bekannt, die ausschließlich im Nordosten des Bundeslandes auf Kalk liegen: Samensberg und Wacholderhain im Regierungsbezirk Detmold, Naturschutzgebiet Eulenkirche bei Marsberg und das westlichste Vorkommen im Wunderwäldchen bei Attendorn im Sauerland. Allesamt sind dies submontane Standorte mit kontinentaler Prägung.

Der Fundort im Vogelsangbachtal hingegen liegt im euatlantischen Klima des Westens, an der Grenze zur Flachlandstufe des Niederrheins auf 120 m über Meeresspiegel. Normalerweise ist das Asarum europaeum eine eurasische Art mit einem geschlossenen Verbreitungsgebiet von Frankreich bis Sibirien. Gewöhnlich siedelt es im eher kontinentalen Klima an kollinen bis montanen Standorten in Laubmischwäldern mit ausgeprägter Mullschicht. Das Vorkommen im Vogelsangbachtal liegt weit außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes und stammt daher mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Gartenabfällen der nahen Stadt Heiligenhaus.



Abb. 1 Karte der zentralen bis westlichen Gebiete des Vogelsangbachtals. Parken ist am Wanderparkplatz "P" der L 156 gegenüber vom Restaurant "Peking Garden" möglich. Einige der botanisch interessanten Areale sind mit "x" markiert. Karte nach www.openstreetmap.org - Mitwirkende Abb. 2 Der Gelappte Schildfarn, Polystichum aculeatum (L.) Roth, zusammen mit der Hirschzunge, Asplenium scolopendrium L., in einem Hangwald auf Kalk im Vogelsang-Bachtal, Heiligenhaus, Niederbergisches Land, 20.12.2015, 100 m, 51° 20' 14 N, 06° 56' 57 O

Abb. 3 Polystichum aculeatum zusammen mit Asplenium scolopendrium in einem steilen Hangwald auf Kalk, 20.12.2015, 128 m, 51° 20' 13 N, 06° 57' 02 O Abb. 4 Polystichum aculeatum zusammen mit Asplenium scolopendrium in einer steilen Steinbruchwand im Vogelsang-Bachtal, 20.12.2015, 131 m, 51° 20' 12 N, 06° 57' 01 O

Abb. 5 Massenbestand des Asplenium scolopendrium in einem Steinbruch im Vogelsang-Bachtal,  20.12.2015, 128 m, 51° 20' 13 N, 06° 57' 02 O Abb. 6 Asplenium scolopendrium in einem steilen Steinbruch im Vogelsang-Bachtal,  20.12.2015, 131 m, 51° 20' 12 N, 06° 57' 01 O

Abb. 7 Asplenium scolopendrium mit gewellten Wedeln in einem steilen Schluchtwald auf Kalksandstein im Vogelsang-Bachtal,  20.12.2015, 128 m, 51° 20' 13 N, 06° 57' 02 O Abb. 8 Die grüne Nieswurz, Helleborus viridis L., in einem mullreichen Hangwald im Vogelsang-Bachtal, Heiligenhaus, Niederbergisches Land, 20.12.2015, 100 m, 51° 20' 15 N, 06° 57' 03 O

Abb. 9 Mehrere Quadratmeter große Kolonie der Europäischen Haselwurz, Asarum europaeum, in einem mullreichen Laubmischwald im Vogelsangbachtal, 20.12.2015, 120 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 13 O Abb. 10 Laubblätter des Asarum europaeum im Vogelsangbachtal, Heiligenhaus, 04.11.2015, 120 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 13 O

Abb. 11 Das Gewöhnliche Scharbockskraut, Ranunculus ficaria L., ist Teil des Blütenteppichs im Erstfrühling im Vogelsangbachtal, 09.04.2016, 121 m, 51° 20' 04 N, 06° 58' 13 O Abb. 12 Blassviolette Blüten des Hohlen Lerchensporns, Corydalis cava (L.) Schweigg. & Körte, zusammen mit dem Buschwindröschen, Anemone nemorosa L., in einem Seitental des Vogelsangbachtals, 09.04.2016, 123 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 15 O

Abb. 13 Die 3-zählige Blüte der Europäischen Haselwurz, Asarum europaeum L., aus Gartenbeständen entwichene Population in einem Seitental, 09.04.2016, 120 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 13 O Abb. 14 Das Gefleckte Lungenkraut, Pulmonaria officinalis L., in einem Laubmischwald auf Kalk, 09.04.2016, 123 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 15 O

Abb. 15 Blüte der Anemone nemorosa in einem Laubmischwald auf Kalk im Vogelsangbachtal, 09.04.2016, 123 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 15 O Abb. 16 Das Engelsüß, Polypodium vulgare L., zusammen mit der Hirschzunge, Asplenium scolopendrium L., in einem Seitental des Vogelsangbachtals, 09.04.2016, 123 m, 51° 20' 03 N, 06° 58' 15 O

Abb. 17 Blütenstand des Kleinen Odermennigs, Agrimonia eupatoria L., der gerne auf Kalk wächst. An einem sonnigen Wegesrand, 09.08.2015, 123 m, 51° 20' 13 N, 06° 58' 40 O Abb. 18 An warnen Säumen findet sich der Weinberg-Lauch, Allium vineale L., im Vogelsang-Bachtal, 06.07.2016, 135 m, 51° 20' 21 N, 06° 57' 32 O

Abb. 19 Die Wilde Möhre, Daucus carota L., ist reichlich im Vogelsangbachtal vertreten. Beim Aufblühen sind die Kronblätter meist rötlich, später dann weiß. Halbtrockenrasen auf Südhang, 06.07.2016, 143 m, 51° 20' 24 N, 06° 57' 30 O Abb. 20 Die Nesselblättrige Glockenblume, Campanula trachelium L., mit Knospen, geöffneten Blüten und Fruchtbildung am Wegesrand im Vogelsang-Bachtal, 09.08.2015, 123 m, 51° 20' 13 N, 06° 58' 40 O

Abb. 21 Bestand des Berg-Ehrenpreis, Veronica montana L., der gerne sickerfeuchte Krautfluren besiedelt. Hier in einem Seitental, 06.07.2016, 129 m, 51° 20' 14 N, 06° 57' 47 O Abb. 22 Das Gewöhnliche Hexenkraut, Circaea lutetiana L., an einem Wegesrand am Farrenberg, einem Seitental des Vogelsang-Bachtales, 06.07.2016, 134 m, 51° 20' 10 N, 06° 58' 01 O

Eigentlich kann man das Vogelsangbachtal das ganze Jahr über besuchen. In der kalten Jahreszeit sind die landschaftlichen Eindrücke interessant, der Wechsel von Extensiv- und Haltrockenwiesen mit den Schluchtwäldern und Auen des Rinderbaches. Zudem bieten die immergrünen Kalkpflanzen auch im Winter etwas fürs Auge. In der warmen Jahreszeit und besonders im Frühjahr sind natürlich noch weitere interessante Pflanzen zu entdecken, zumal des Tal an vielen Stellen eine ausgesprochen reichhaltige Frühblüherflora ausweist.

Am besten parkt man an der L 156 zwischen Heiligenhaus und Essen-Kettwig, die das Tal quert und gegenüber vom Restaurant "Peking-Garden" und Hotel "Haus Talburg" einen etwas größeren Wanderparkplatz hat. Im Navigator gibt man 42579 Heiligenhaus, Ruhrstraße 75, ein.


Zitiervorschlag: Lorek, M. 2017: Das Vogelsangbachtal. – http://www.tropengarten.de/Botanik/vogelsangbachtal.html am Tg.Mo.Jahr.

© Tropengarten

info@tropengarten.de